• Samstag, 16.12.2017
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FINANZPLATZ

Spekulationen mit Nahrungsmitteln verbieten?

Von Willy Burgermeister  
  Es braut sich einiges zusammen...
©Grafik: Anlegermagazin / Video-Printscreen YouTube
Mit einer Initiative versuchen die Schweizer Jungsozialisten, zusammen mit den Hilfswerken „Solidar Suisse“, „Swissaid“ und „Uniterre“, den Spekulanten mit Nahrungsmitteln den Garaus zu machen.


Die Zocker vor den Bildschirmen

wüten überall und destabilisieren die ganze Welt. Keine Frage, weite Kreise der Bevölkerung fordern, schon aus moralischen Gründen, ein energisches Vorgehen. Den Hunger in der Welt jedoch ausschliesslich an der internationalen Spekulation festzumachen, scheint mir zu kurz gegriffen – und bietet überhaupt keinen Lösungsansatz für die unzähligen Probleme, die dafür verantwortlich sind.

Agrarspekulationen

Ingo Pies, Wirtschaftsethiker an der Universität Halle, zweifelt keinen Augenblick, dass Kritik an Missständen zu üben eine der wichtigsten Aufgaben von zivilgesellschaftlichen Organisationen sei. Aber bei der Agrarspekulation verrennten sich die NGOs. Die Argumente, so Pies, halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Spekulationsgeschäfte könnten den laufenden Preis doch nur dann befeuern, wenn spärliche Lagerbestände gehortet würden – aber das sei nicht zu beobachten.

Beim Durchforsten historischen Materials stiess der Wirtschaftsethiker auf eine ähnlich hitzige Debatte, die allerdings schon vor mehr als 100 Jahren die Gemüter erregte. Damals griff die Regierung hart durch: An der Berliner Börse durfte am 1.Januar 1897 nicht mehr auf Weizen spekuliert werden. „Die Wirkung war verheerend“, schreibt Pies. „Es wurde zum schieren Glücksspiel, an welchem Tag man die Ernte einfuhr und verkaufte.“ Drei Jahre später wurden die verbotenen Termingeschäfte wieder erlaubt. Ein treffendes Beispiel, dass Spekulation wirtschaftlich sinnvoll und moralisch erwünscht sein kann. Sie erlaube den Produzenten, Händlern, aber auch den Verbrauchern, ihre Risiken auf die Schultern von Investoren abzuwälzen.

Preistrends

Denken wir weiter über diese Fragen nach, dann gilt es festzuhalten, dass, auf längere Sicht, die Preisentwicklungen ausschliesslich von fundamentalen Faktoren bestimmt werden. Weder setzt noch bricht die Spekulation diese längerfristigen Preistrends. Jeder wirtschaftlichen Tätigkeit wohnt ein spekulatives Element inne, und schliesslich springen wir mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine als stille Reserve im Kofferraum.

Kein Wunder trocknet das Angebot an Nahrungsmitteln aus. Dann verrottet noch ein Drittel aller Lebensmittel nach der Ernte oder wird später weggeworfen, das meiste davon in wohlhabenden Industrieländern. Wir holzen Urwälder ab, heizen das Klima auf und vergeuden Ressourcen, obwohl wir alle wissen, dass wir damit unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Neue Mittelklasse, Urbanisierung, Erosionen

Wir unterschätzen das ungebremste Bevölkerungswachstum, den steigenden Fleischkonsum einer neuen Mittelklasse, die nach einem angenehmeren Leben lechzt, ebenso das kriminelle Ausbeuten von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biosprit, argumentiert der Chef von Nestlé, Peter Brabeck-Letmathe. Verschärft wird dieser Trend durch die ausgreifende Urbanisierung und die fortschreitende Erosion von Landwirtschaftsflächen. Jede Sekunde müssen wir auf dieser Erde zwei Menschen mehr ernähren. Gleichzeitig aber verlieren wir 0.2 Hektar Agrarfläche. Das Angebot kann in dieser vertrackten Situation nur über die Produktivität erhöht werden, und dies wiederum erfordert Investitionen in die Landwirtschaft - und die wurden in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Heute, so Brabeck, wächst die Produktivität deutlich langsamer als die Bevölkerung. Um den Hunger der Menschen künftig stillen zu können, brauchen wir neben nachhaltigen Investitionen auch den Wissenstransfer, gekoppelt an die verantwortungsvolle Anwendung neuer Technologien, und wirkungsvollere Strukturen auf dem Terrain.

Inflationsgefahr

Und noch etwas: Alle Experten trichtern uns andauernd ein, die Inflation sei auf Jahre hinaus gebannt. Doch – unser Leben im Alltag wird immer teurer. Die Kaufkraft unseres Geldes wird durch die unersättlichen „Gelddrucker“ laufend unterspült und als Folge davon klettern die Preise für Rohstoffe, Energie und Nahrungsmittel.


 
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Märkte sind effizient

Auch wenn wir uns dem immer wieder verweigern, die Märkte zeigen sich meistens ziemlich effizient. Natürlich hat der Markt nicht immer recht, doch er verarbeitet und integriert die vorhandenen Informationen schnell und effizient. Aussagekräftige Konsequenzen lassen sich davon ableiten, die jedoch vielfach ignoriert werden. Ohne klare Preissignale bringen wir Angebot und Nachfrage nie ins Gleichgewicht.

Notwendige Kooperationen

Die internationale Politik müsste endlich aufwachen und sich der Knappheit natürlicher Ressourcen bewusst werden. Die Herausforderungen der Zukunft bedürfen einer vorurteilslosen Zusammenarbeit aller Akteure: Regierungen, internationaler Organisationen, NGOs, Zivilgesellschaften und privater Unternehmen. Was aber sehen wir? Aufblühenden Protektionismus, unbedachte Regulierungen, die das freie Spiel der Märkte eindämmen. Und überall entstehen strukturelle Defizite.

Wir wissen, dass der Wandel des Klimas, die Rohstoffverknappung und das Wachsen der Weltbevölkerung die Art, wie wir heute leben, grundsätzlich in Frage stellen. Wir dürfen also unsere Energien nicht in fruchtlosen Debatten verpuffen. Eine dauerhafte Ernährungssicherheit für bald einmal zehn Milliarden Menschen sicherzustellen, ist eine viel zu komplexe und ernste Sache, um sich einer ideologisch verbrämten Polemik hinzugeben.
 
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