• Donnerstag, 19.10.2017
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GESUNDHEIT

Unterernährung. Wie im Alter erkennen und vorbeugen?

Von Walter O. Seiler  
© w.r.wagner / pixelio.de (Ausschnitt)
Appetitmangel ist der erste Hinweis auf eine beginnende Unterernährung (Malnutrition). Wird dieses Zeichen von den Personen des sozialen und medizinischen Umfelds des betagten Kranken früh erkannt, lässt sich mittels eines Nutrogramms das Nährstoffdefizit im Blut exakt diagnostizieren und erfolgreich behandeln. Ist die Ursache des Appetitmangels gefunden, werden vorbeugende Massnahmen eingeleitet.

Nach Krankheiten und Medikamenten suchen
Bei Appetitmangel nützen Appetit stimulierende Mittel wenig oder gar nichts. Viel wirksamer ist es, die Ursachen des Appetitmangels, dies sind Krankheiten und Medikamente, zu finden und zu behandeln sowie die Medikamente zu überprüfen.

Appetitverhalten liefert frühe Hinweise
Erste Hinweise auf eine beginnende Malnutrition liefert die Ernährungsanamnese, das ist die Befragung nach Appetitverhalten und Essgewohnheiten. Bei der Aufnahme der Ernährungsanamnese werden in etwa folgende Fragen an den Patienten gerichtet:

  • „Wie ist Ihr Appetit?“
  • „Hat er sich in der letzten Zeit verändert?“
  • „Wann verspürten Sie zuletzt starken Hunger?“
  • „Mögen Sie Fleisch essen?“
  • „Sind Sie Vegetarier?“
  • „Wann haben Sie zuletzt Fleisch gegessen?“
  • „Essen Sie meistens alleine?“
  • „Essen Sie in Gesellschaft grössere Mengen, und ist Ihr Appetit dann besser als wenn Sie alleine essen?“
  • „Wie oft und wann essen Sie am Tag?“
  • „Welche Medikamente nehmen Sie?“
  • „Leiden Sie an Skelettschmerzen?“
  • „Nehmen Sie Antirheumatika, das sind Medikamente gegen Gelenksschmerzen, Rückenschmerzen und gegen Arthrosen?“
  • „Ist Ihr Appetit gleich seit Einnahme der Medikamente, oder hat er sich seither verschlechtert?“

Finden sich in der Ernährungsanamnese keine Hinweise auf Appetitmangel oder auf eine Abneigung gegen Fleischkonsum, liegt kein Risiko für Unterernährung vor. Fördert hingegen die Anamnese einen Appetitmangel zu Tage, besteht ein hohes Risiko für Malnutrition, und der Arzt wird weitere Untersuchungen zur exakten Diagnosestellung und zur Fahndung nach den Ursachen des Appetitmangels veranlassen.

Nutrogramm: Bestimmung der Nährstoffe im Blut
Bei Verdacht auf eine beginnende Malnutrition wird der Arzt ein Nutrogramm (siehe unten) verordnen, das ist die Nährstoffanalyse im Blut. Am häufigsten finden sich die folgenden, typischen Mangelzustände: Eiweissmangel, Zinkmangel, Vitamin D-Mangel, Vitamin B 12-Mangel, Eisenmangel und zu tiefe Werte für Lymphozyten.

Lymphozyten, eine Sorte weisser Blutkörperchen, verrichten die Hauptarbeit bei der Immunabwehr, das ist die Abwehr gegen Viren und Bakterien. Insbesondere bei Eiweissmangel sinkt die Anzahl Lymphozyten schnell ab und schwächt so die Abwehrkräfte. Hier zeigt sich ein wichtiger Zusammenhang zwischen Ernährung und Immunabwehr. Das wussten offenbar schon unsere Grossmütter. Wer kennt dies nicht aus seiner Jugendzeit: „Kind, du musst essen, sonst erkrankst du.“

Sich um Appetitverhalten kümmern
Wenn die Betreuenden sich täglich um Ess- und Appetitverhalten der Kranken kümmern, kann bei beginnender Malnutrition das Abgleiten in eine schwere Unterernährung rechtzeitig verhindert werden.

Die Ursachen suchen
Liegt Appetitmangel vor, wird nach den Ursachen der Verschlechterung von Appetit und Essverhalten gefahndet. Am häufigsten sind folgende Krankheiten die Ursache: Vereinsamung, Depression, chronische oder versteckt ablaufende Infektionen, chronische Wunden, eine beginnende Demenz, Rheuma, Hirnschlag, chronische Wunden und anderes mehr. Auch die Überprüfung der Medikamente darf nicht fehlen. Insbesondere Antirheumatika vermindern oft den Appetit.

Bei Nährstoffmangel substituieren
Gleichzeitig werden die im Nutrogramm gefundenen Defizite an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen korrigiert. Zum Beispiel wird bei einem Mangel an Vitamin B12 dieses Vitamin durch Injektionen substituiert, das heisst, dem Körper wieder zugeführt. Oder bei einem Zink-Mangel kommen Zink-Tabletten zum Einsatz.

Speisen mit hoher Nährstoffdichte wählen
Bei der Anpassung der Ernährungsgewohnheiten ist eine Diätberatung sehr hilfreich. Malnutrition ist im Alter meistens mit Eiweissmangel kombiniert. Deshalb wird immer eiweissreiche Kost empfohlen.

Da ältere Kranke lediglich kleine Portionen zu essen vermögen, sollten diese kleinen Portionen eine hohe Nährstoffdichte aufweisen, das heisst, möglichst viele Nährstoffe und genügend Eiweiss enthalten. Als Nahrungsmittel mit hoher Nährstoffdichte und mit viel Eiweiss gelten Eier, Fleisch, Fisch, Milch und Milchprodukte wie Käse, Joghurt, Quark sowie Bohnen und Soja.

Normalisierung des Nutrogramms motiviert
Kehrt der Appetit nach erfolgreicher Behandlung der ursächlichen Krankheiten und nach Überprüfen der Medikamente wieder langsam zurück, zeigt das Nutrogramm eine Normalisierung der Nährstoffe im Blut. Die erfolgreiche Aufernährung bedeutet für Patienten, Angehörigen und Betreuende einen kräftigen Motivationsschub.

 
 
   
  Dieses Nutrogramm enthält einige Nährstoffe und deren Konzentration im Blut. Je
nach Messwert liegen verschiedene Schweregrade der Malnutrition vor. Albumin ist
das wichtigste Eiweiss im Blut. Zum Beispiel: Ein Albumin-Wert von 28 deutet auf
einen schweren Eiweissmangel hin.


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