• Donnerstag, 19.10.2017
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AUSWANDERN NACH DER PENSIONIERUNG

Nichts wie weg!

Schweizer Senioren an der Costa Blanca. Von Andreas Huber  
Ging man bislang von einer relativ starken Standortgebundenheit älterer Menschen aus, so berichten heutzutage die Medien immer häufiger über hochmobile «neue Alte», die mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben ihren angestammten Wohnsitz aufgeben und in attraktivere Regionen ziehen.


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Allein in Spanien waren Anfang 2010 offiziell rund 350'000 Altersresidenten (60+) aus Ländern der Europäischen Union gemeldet. Inoffiziell dürften es über 2 Millionen sein, weshalb Spanien schon früh den Ruf als «Altersheim Europas» bekam. Auch viele Schweizer Ruheständler haben Spaniens Küsten als Altersrefugium entdeckt, wo sie neben dem angenehmeren Klima auch mehr für ihr Geld bekommen. Allein an der Costa Blanca, von Spöttern auch "Costa Geriátrica" genannt, haben gegen 5'000 Schweizer Pensionäre ihren Traum von den eigenen vier Wänden erfüllt.

Beliebte Gebiete
Die Mobilität älterer Menschen ist eine weithin unterschätzte Grösse: Auch bei den älteren Menschen ist die Umzugshäufigkeit heute wesentlich grösser als bei früheren Generationen. Bei der Altersemigration ist es selten ökonomische Not, die die Senioren zum Auswandern bewegt. Allerdings fördern steigende Sozial- und Lebenskosten in den Herkunftsländern die Aufbruchstimmung bei den auswanderungswilligen Senioren. Klimatische und gesundheitliche Gründe sowie die Aussicht, den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen zu können, stehen als weitere Gründe im Vordergrund.

Die beliebtesten Zielgebiete der europäischen Altersemigration sind mehr oder weniger identisch mit den Destinationen des internationalen Fremdenverkehrs. Doch nirgends erreicht das Phänomen der internationalen Altersemigration das Ausmass wie an Spaniens Küsten. Sie sind in quantitativer Hinsicht die mit Abstand bedeutendsten Destinationen der nord-süd-orientierten Altersemigration. Rentner aus ganz Nord-, West- und Mitteleuropa haben sich inzwischen ihren Traum vom Leben unter spanischer Sonne erfüllt. Wie viele es sind, weiss niemand. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Zielgruppe auch unter methodischen Gesichtspunkten keine exakt fassbare Grösse ist. Es ist davon auszugehen, dass Altersemigranten, die ihre Wohnung im Heimatland aufgegeben haben und ganzjährig im Süden leben, vermutlich sogar in der Minderheit sind. Weit verbreitet ist die Nutzung mehrerer Wohnungen mit saisonalem Aufenthaltsmuster, womit der Übergang vom Touristen zum Residenten fliessend wird.

 

  Anzahl und Altersstruktur ausgewählter europäischer Bevölkerungsgruppen mit hohen Anteilen an Altersresidenten in der Provinz Alicante, 1.1.2010.
   
 
  Quelle: Instituto Nacional de Estadística, 2010.


Traumziel Costa Blanca
Die gut 240 Kilometer lange Costa Blanca in der Provinz Alicante gehört neben der Costa del Sol (Málaga) und den Balearen sowie den Kanarischen Inseln zu den beliebtesten Regionen Spaniens für Altersresidenten. Zu Beginn des Jahres 2010 lebten offiziell 464'000 Ausländer in der Provinz Alicante, von denen ein Fünftel bereits im Rentenalter waren. Aus verschiedenen Studien in dieser und anderen Regionen Spaniens muss allerdings von der fünf- bis siebenfachen Anzahl ausländischer Residenten bzw. Langzeitaufenthalter ausgegangen werden. Denn nach wie vor sind viele Ausländer – hauptsächlich diejenigen, die nicht mehr arbeiten – offiziell auf den Einwohnermeldeämtern der Gemeinden gar nicht angemeldet. Das hat vor allem einen Grund: Wer ins Ausland übersiedelt, also länger als 183 Tage ohne Unterbrechung dort lebt, muss je nach Länderabkommen damit rechnen, dass die Rente gekürzt wird. Allein an der Costa Blanca dürften deshalb vermutlich weit über eine halbe Million Altersresidenten aus EU-Ländern leben.

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Die Schweizer gehörten zu den ersten, die sich an der Costa Blanca niedergelassen haben. Zu Beginn der 1980er Jahre war die Rente in Spanien bis zu fünfmal so viel wert wie in den mittel- und nordeuropäischen Herkunftsländern. Inzwischen sind viele dieser Schweizer «Pioniere» in höhere Altersgruppen gerutscht, weshalb die Schweiz mit Abstand die ältesten ausländischen Residenten in der Provinz Alicante stellt. Über 60 Prozent aller Schweizer sind 65 Jahre alt oder älter. Für die Schweiz kann die Zahl der mehr oder weniger permanent, das heisst zwischen sechs und zwölf Monaten an der Costa Blanca lebenden Residenten der Altersgruppe 65-jährig und älter auf zwischen 4'000 bis 5'000 Personen geschätzt werden. In ganz Spanien dürften es um die 10'000 sein.

Eindrücklich präsentieren sich die Zahlen auch auf Kommunalebene. In nicht weniger als dreizehn Gemeinden an der Costa Blanca beträgt der Ausländeranteil mittlerweile über 60 Prozent. In der Gemeinde Rojales mit einer der grössten und bekanntesten Urbanisationen in der Provinz Alicante, Ciudad Quesada, machen die Ausländer unglaubliche 75 Prozent der Einwohner aus. Man stelle sich die politische Mobilisierung angesichts einer vergleichbaren Situation in einer Schweizer Gemeinde vor.

Leben in Retortenorten
Die Mehrheit der ausländischen Residenten in Spanien lebt konzentriert in so genannten urbanizaciones. Dabei handelt es sich um komplett neu angelegte Siedlungen ausserhalb der historisch gewachsenen Orte, bei denen neben den einzelnen Häusern und Gebäudekomplexen auch der Strassengrundriss und die Strassenführung von den Architekten frei geplant werden konnte. Selbst die Namen der Retortenorte haben in der Regel keinen Bezug zur historischen Umgebung. Ortsbezeichnungen wie etwa El Paradiso, Blue Lagoon, Dream Hills oder Golden Valley beschwören eher utopische Orte herauf, als dass sie sich auf örtliche Gegebenheiten der konkreten Umgebung bezögen. Es sind geschichts- und meist auch gesichtslose Orte.

Da die Urbanisationen die Möglichkeit bieten, das Alltagsleben in einem muttersprachlichen Umfeld organisieren zu können, sind Sprachkenntnisse des Gastlandes nicht einmal unbedingt nötig. Obgleich die Werbeprospekte etwas Anderes versprechen – «Urbanisationen mit eigener Identität», Architekturstile, die «ihren Ursprung im Mittelmeerbereich haben, an einem Ort, an dem für die Monotonie kein Platz ist» –, zeichnen sich viele der in Rekordzeit hochgezogenen Doppel- und Reihenhauskolonien durch ein monotones Design aus. Während die frühen Urbanisationen der 1970er Jahre mit ihren vorwiegend im «spanischen Landhausstil» gebauten freistehenden Einfamilienhäusern noch eine gewisse Individualität ausstrahlen, sehen sich die später gebauten Siedlungen, wo hoch verdichtete Duplex- und Vierblockbungalows oder Appartement-Wohnkomplexe vorherrschen, dermassen ähnlich, dass man meinen könnte, sie seien alle vom gleichen Generalunternehmen gebaut worden – was sie nicht selten auch tatsächlich sind. Der immer grossflächiger werdende Häuserteppich an der Costa Blanca hat sich in den letzten Jahrzehnten in eine Stadt der Tausend Urbanisationen entwickelt.

Ein Blick in die Zukunft
Die Frage ist, wie die grossen Kohorten der Babyboomer die Geographie des Alters in Zukunft gestalten werden. Im Allgemeinen ist in den nächsten Jahren mit einer weiteren Beschleunigung vielfältiger Migrationsformen zu rechnen. Auch das Phänomen der Altersmigration wird an Bedeutung weiter zunehmen. Dies um so mehr, als die Babyboomer schon heute ein höheres Migrationsverhalten aufweisen, da es heutzutage üblich ist, auf der Suche nach Ausbildung und Arbeit Orte zu verlassen und neue aufzusuchen. Das heisst, dass wir es mit Personen zu tun haben werden, die eine geringere Ortsgebundenheit aufweisen als frühere Generationen.

Neben den bei Nord- und Mitteleuropäern bereits heute beliebten Zielgebieten wie Spanien, Portugal, Frankreich, Italien, Malta, Griechenland und Zypern dürften in Zukunft Regionen wie beispielsweise die Südtürkei und die kroatische Küste mit ihren über 1'000 Inseln zu neuen, alternativen Destinationen der Altersemigration werden. Auch weiter entfernte Regionen wie Südostasien, Australien sowie Mittelamerika und die Karibik können in Zukunft attraktive Lebensräume für – nicht nur europäische – Altersemigranten werden. Der allgemeine Prozess der kulturellen und ökonomischen Annäherung und Harmonisierung wird diesen Trend ebenfalls weiter fördern. Vor allem innerhalb Europas wird der Umzug von einem Land in ein anderes zunehmend erleichtert.

Für eine Verlangsamung des Prozesses könnte allenfalls die zunehmende rasante Entwicklung der Zielregionen sprechen, mit all den damit verbundenen negativen Auswirkungen wie beispielsweise einer weiteren Anpassung des Preisniveaus, einer zunehmenden Zerstörung der Landschaft durch weitere Überbauungen und ökologischen Problemen wie Wassermangel, Wasserverschmutzung oder Abfallentsorgung. Eine kaum kontrollierte Entwicklung seit Beginn der 1970er Jahre hat einen Grossteil genau jener Werte zerstört, die Regionen wie die Costa Blanca für viele Altersresidenten und Urlauber einst attraktiv machten. Inzwischen gehören die an der Küste niedergelassenen Ausländer zu den heftigsten Kritikern des Baufiebers, das mit dem Platzen der spanischen Immobilienblase ein jähes Ende fand. Nicht wenige der rund 1,5 Millionen Bauruinen Spaniens befinden sich entlang der Mittelmeerküste. Wer nach wie vor vom Lebensabend an der Costa Blanca träumt, kann jetzt auf Schnäppchenjagd gehen. Zu bedenken ist allerdings, dass kaum eine der angebotenen Wohnungsbedingungen spezifisch auf die vor allem im hohen Alter zu erwartenden Gesundheits- und Mobilitätseinschränkungen ausgelegt ist.

 

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