• Donnerstag, 19.10.2017
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GESUNDHEIT

Warum ist Unterernährung im Alter so häufig?

Von Walter O. Seiler  
Im Alter führen Krankheiten und gewisse Medikamente zu Appetitmangel und Abneigung gegen Fleisch. Ohne Hunger vermag niemand auf Dauer genügend zu essen: Malnutrition, die Unterernährung im Alter, schleicht sich ein und wird initial von Patient und Angehörigen kaum bemerkt. „Ich mag nicht essen“, diese oft gehörte Klage zu Hause, in Spitälern und Pflegeheimen muss ernst genommen werden.

Hunger, ein starker Trieb
Hunger ist die treibende Kraft und garantiert Menschen und wohl auch allen biologischen Systemen eine stetige Ernährung. Der Hungertrieb ist so stark, dass niemand in der Lage ist, längere Zeit nichts zu essen, wenn Nahrung vorhanden ist. Selbst willensstarke Menschen im Hungerstreik geben nach Wochen auf, weil sie dem Hungertrieb nicht mehr widerstehen können.

Ist keine „normale“ Nahrung vorhanden, verzehren Menschen in schwerem Hungerzustand alles Essbare. Selbst Kannibalismus kommt vor, wie der Flugzeugabsturz in den Anden vor Jahren deutlich gezeigt hat.

Bei Jugendlichen und bis ins mittlere Alter verursacht Hunger ohne genügende Bewegung auch Fettleibigkeit mit den bekannten Gefahren für die Gesundheit. Ungefähr ab dem 70. Lebensjahr nimmt jedoch die Anzahl Fettleibiger ab, weil auch bei gesunden Betagten sich Appetit und Essportionen verringern. Sie genügen aber noch, um den Körper richtig zu ernähren.

Appetitmangel, ein gefährliches Symptom
Krankheiten und gewisse Medikamente stimulieren jetzt viel stärker als bei jüngeren Patienten die Produktion von hormonähnlichen Stoffen (Zytokinen). Zytokine vermindern zusätzlich den Appetit und rufen eine Abneigung gegen Fleischnahrung hervor. Besonders häufig schmälern folgende Krankheiten den Appetit: Infektionen, Arthrosen, Vereinsamung, Depressionen, Demenz, Hirnschlag, chronische Wunden und andere mehr.

Medikamente wie Antirheumatika, das sind Mittel gegen Gelenkschmerzen und Rheuma, und Aspirin zur Prophylaxe von Herzkrankheiten sind die am meisten verwendeten Medikamente im Alter. Sie können bei älteren Menschen zu Magenproblemen führen. Diese äussern sich oft nur durch Appetitmangel. Appetitmangel ist der früheste Hinweis auf eine beginnende Malnutrition.

Abbau der Nährstoffreserven des Körpers
Bei ausgeprägtem Appetitmangel nimmt die im Alter ohnehin schon kleine Verzehrmenge zusätzlich ab. Unterschreitet sie die Grenze von 1000 Kilokalorien, deckt die geringe Essmenge den Nährstoff- und Kalorienbedarf des Körpers nicht mehr. Der Organismus versucht nun, die fehlenden Nährstoffe aus den körpereigenen Nährstoffdepots zu beziehen. Die Reserven befinden sich hauptsächlich in der Muskulatur (Eiweiss, Vitamin B12, Zink, Eisen, Kalorien etc.), in der Leber (Eisen, Eiweiss, Cholesterin etc.), im Fettgewebe (Kalorien, Hormone etc.) und in den Knochen (Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium etc.).

Herstellung von Blutzucker aus körpereigener Muskulatur
Werden dem Körper aufgrund von Appetitmangel nicht mehr genügend Nährstoffe zugeführt, sinkt der Blutzucker. Deshalb muss der Organismus als Gegenreaktion neuen, überlebenswichtigen Blutzucker selber herstellen. Zu diesem Zweck baut er körpereigene Muskulatur ab und wandelt die so gewonnen Bestandteile in Zucker um. Dieser Muskelabbau schwächt die Muskulatur und verursacht weitere Komplikationen.

Malnutrition bedeutet zusätzliches Leid
Wird die Appetitlosigkeit des Patienten nicht erkannt oder nicht ernst genommen, entwickelt sich schleichend eine Malnutrition. Sie kann Komplikationen verursachen wie allgemeine Schwäche, Gewichtsabnahme, Kraftlosigkeit, Stürze, Apathie, Depression, Verwirrtheit, Abnahme geistiger Fähigkeiten, Bettlägerigkeit und Druckgeschwüre durch Wundliegen.

In der Betreuung zu Hause, in Pflegeheimen und in Spitälern kommt daher der Beobachtung des Appetit- und Essverhaltens kranker Betagter grosse Bedeutung zu. Durch frühzeitige Diagnose wird dadurch älteren Patienten viel Leid erspart.
 

 
 
   
  Lauber A.:
Nährstoffmangel bei akutkranken Betagten am Tag der Aufnahme auf die Akutgeriatrische Universitätsklinik, Basel. Dissertation unter Leitung von W.O. Seiler, Universität Basel, 1994.
 
     
In dieser Studie wurde bei älteren Patienten am Tag des Spitaleintritts auf die Abteilung der Akutgeriatrischen Universitätsklinik, Basel, der Nährstoffgehalt im Blut analysiert. Die Graphik zeigt zum Beispiel: 60% der Patienten wiesen einen Zinkmangel auf, 44 % einen Vitamin B12 – Mangel oder 56 % einen Eisenmangel. Folgerung: Viele ältere Patienten sind bei Spitalaufnahme unterernährt.

 




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